Es fiel mir nicht leicht mich in dem Moment darauf einzulassen. Ich wurde einfach so mitgenommen. Abgesehen davon wusste ich eh nicht wohin; fremdes Land und fremde Leute. Wir liefen einen kleinen verwahrlosten Feldweg entlang. An beiden Seiten waren kleine zerfallene Holzhäuser. Einige von ihnen hatten nicht mal ein richtiges Fenster, sondern nur kleine Gucklöcher falls jemand unbekanntes die Straße entlang kommt. Am schäbigstem kleinen Holzhaus hielten wir dann an und er rief laut “Katruschka”. Man bedenke, dass es schon mindestens 23 Uhr war und hier ja noch andere leben. Aber das fiel mir vorher schon auf das es den Menschen in Loev nicht im geringsten interessiert wer wo wann Abends noch rumlungert und laut durch die Gegend schreit – man sieht sowieso mehr Menschen nachts auf der Straße als am Tag. Das Erste was man sah wenn man hinter den Zaun guckte war eine sehr abgemagerte Kuh und mindestens 7 Hühner, die mittlerweile wohl die Vogelgrippe zu schaffen gemacht haben muss – keine Federn, und ziemlich dürr. Ein kleiner Junge kam uns entgegen. Er trug kein Shirt. Das Einzigste was er an hatte, waren seine kaputten Shorts in Bundeswehrobtik und ein paar Flipflops aus Gummi und Bastband. Er umarmte mich sofort und wirkte dermassen glücklich. Ich hatte diesen Jungen nie zuvor gesehen und dennoch schien es mir fast als ob ich ihn irgendwoher kenne. Ihm erging es wohl nicht anders, sonst hätte er mich wohl nicht so euphorisch umarmt. Der Mann der mich zu dem Haus begleitet hatte, fragte den kleinen irgendetwas und dann rannten sie beide weg. Ich lief im dunkeln hinterher. Als ich sah wo sie hinliefen, war ich geschockt. Wir standen nun alle drin im Haus und die beiden unterhielten sich wahrscheinlich über das Essen was wir für die Familie mitgebracht hatten. Das Haus war nur ein Stockwerk aus Holz, nicht mal 25 Quadratmeter und der Junge zeigte mir dann ganz stolz sein Bett. Es war kein Bett. nicht in unserem Sinne. Er hatte sich aus einer Holzplatte einen Untergrund gemacht und legte sich dann darüber Stroh und Heu. Darüber dann eine Tischdecke oder Gardine. Mehr nicht. Das war dann sein Bett. Er legte sich drauf um mir zu demonstrieren wie er schliefe. Er hatte sich dazu eine kleine decke genommen, die bei uns sofort weggeschmissen wird und machte sich aus seiner Winterjacke ein Kissen. Später erzählte mir der Mann der mich mitnahm, das dort nicht nur er schliefe sondern seine Mutter und seine Schwester auch. Sie würden dann nicht liegen sondern sitzen und sich im Winter gegenseitig wärmen. Sie hätten ja keine andere Wahl. Als ich mich umdrehen wollte um wiederrauszugehen, kam mir die Mutter des Jungen entgegen und bat mich doch drinnen zu bleiben sie wollte mit mir reden. Sie würde so selten Besuch kriegen und sich mit anderen unterhalten, sie hätte keine Freunde mehr. Ich blieb natürlich und wir setzten uns dann zwischen den Hühnern im Haus auf den Boden auf eine kleine Pappmatte. Da sie kein Strom hatten, machte ich drei kleine Kerzen an. Die Frau erzählte mir das der kleine Mikeal heißt und 4 Jahre alt sei. Als er 2 wurde, bekam er von seinen Großeltern eine Untersuchung beim Arzt geschenkt. Zu dem Zeitpunkt war der kleine schon Passivraucher und hätte wohl mit Sicherheit auch schon auf der Straße geraucht. Der Arzt teilte seinen Eltern mit, dass der Junge Krebs habe und da sie sich die Arztkosten nicht leisten können, würde er wohl noch 1 Jahr leben. Damals hielt sein Vater diese Nachricht nicht aus. Er musste zusehen wie sein Sohn sich quälte und trotzdem immer noch rauchte. Er brachte sich nach einem halben Jahr nach der Diagnose um. Sie erzählte, dass sie in einem kleinem Laden arbeitete und ihn dann im Garten nach der Arbeit entdeckte. Sie musste sich ab dann noch prostituieren, damit sie den Kindern was zu essen geben konnte. Aber selbst dafür reicht es nicht. In dem Moment verstand ich warum der Mann jede Woche herkommt um der Familie ein Sack Kartoffeln und Wasser brachte. Ich fing während des Gesprächs an zu weinen. Der Junge guckte mich nur an und fragte mich warum ich den weine es sei doch nichts schlimmes passiert. Selbst die Mutter guckte erstaunt. Ich versuchte ihnen klarzumachen, dass es bei uns keine normale Situation sei sich prostituieren zu müssen, damit man sein 4 jähriges rauchendes Kind und die Schwester alleine versorgen kann, weil der Vater sich umgebracht hatte, da er den Krebs seines Sohnes nicht mit ansehen konnte. Sie verstanden nicht, was daran so anders sei. Als wir wieder nach Hause gingen gab ich der Mutter vorher noch etwas Geld. In dem Moment fing sie an zu weinen und bedankte sich dreimal mit Küsschen und Umarmungen. Ich war wirklich geschockt von den Verhältnissen und der Geschichte. Da merkt man erst wie gut wir es in Deutschland haben.
Russland ist nicht leicht zu verstehen. Aber es ist leicht die Menschen dort zu lieben.
de Jeina18